„Und, wie war das Wochenende?“
„Frag lieber nicht! Es war die Hölle!“
„Immer noch kein Land in Sicht?“
Als mein Bruder Ernst mich auf meine bevorstehende Scheidung ansprach, hätte ich ihn am liebsten gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Meine Frau Beate und ich waren seit elf Jahren verheiratet, als wir erkannten, dass die Liebe im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben war. Nun wollten wir beide die Scheidung. Aber leider war die Wohnungssuche nicht gerade einfach und so vereinbarten wir, noch so lange zusammen zu wohnen, bis ich eine neue Bleibe gefunden hätte. Allerdings stritten wir in letzter Zeit über jede Kleinigkeit und unsere Nerven lagen blank. Trotzdem war ich überrascht, als ich eines Tages Post von einem Rechtsanwalt bekam.

„Kannst du mir erklären, was das soll?“
Wutentbrannt stellte ich meine künftige Ex-Frau zur Rede.
„Warum schreibt mir dein Anwalt, dass ich ausziehen soll?“
Stinksauer fuchtelte ich mit dem Brief vor Beates Nase herum, Obwohl ich mir ständig Wohnungen anschaute, hatte ich noch nichts Passendes gefunden. Immerhin musste die Wohnung nicht nur leistbar sein, sondern auch groß genug, damit unsere beiden Töchter jedes zweite Wochenende bei mir übernachten konnten.
„Wir hatten eine Abmachung, schon vergessen?“
Glaubte meine Frau wirklich, dass ich mich von ihr unter Druck setzen lassen würde?
„Eine Abmachung, an die du dich nicht gehalten hast. Du müsstest hier schon längst ausgezogen sein!“
„Was heißt, „nicht gehalten“? Ich finde einfach nichts, das weißt du doch ganz genau!“
Aber statt mit mir zu reden, drehte Beate mir nur den Rücken zu und verzog sich in ihr Zimmer. Natürlich schliefen wir schon lange nicht mehr gemeinsam, ich hatte mich schon vor Monaten im Gästezimmer einquartiert und meiner Frau das Schlafzimmer überlassen. Dorthin rannte ich ihr jetzt nach, so einfach würde sie mir nicht davonkommen!

„Rede mit mir, verdammt noch mal!“
„Wir streiten rund um die Uhr, ich halte das ganz einfach nicht mehr aus!“
Da Beate das Zusammenleben nicht mehr ertrug, sollte ich mir schleunigst eine neue Unterkunft suchen.
„Von mir aus kannst du auch ins Hotel ziehen!“
„Und wie soll ich das finanzieren?“ War diese Frau von allen guten Geistern verlassen?
„Du weißt doch ganz genau, wie lange ich schon auf Wohnungssuche bin!“
„Entweder du gehst freiwillig oder mein Anwalt lässt dich rausschmeißen. Du kannst es dir aussuchen.“ Eiskalt schaute Beate mich an. In dem Moment war uns beiden klar, dass wir nur noch Hass füreinander empfanden.
„Was ist bloß los mit dir? Ich bin doch kein Verbrecher, den man so einfach vor die Türe setzen kann!“ Kurz davor, endgültig den Verstand zu verlieren, baute ich mich vor ihr auf.
„Mach was du willst. Aber in spätestens vier Wochen bist du hier raus oder ich werde andere Saiten aufziehen.“ Damit knallte sie mir die Schlafzimmertüre vor der Nase zu.

„Und in dem Loch sollen meine Kinder übernachten?“
Als ich einen Monat später endlich eine Wohnung gefunden hatte, war ich zunächst richtig erleichtert gewesen. Beate und die Kinder waren übers Wochenende weggefahren und so hatte ich genug Zeit, um meine Sachen zu packen und alles, was ich nicht mitnehmen konnte, erst mal einzulagern. Denn meine neue Unterkunft war nur eine Notlösung, im Grunde war sie viel zu klein und leider auch nicht besonders hell. Wenn die Mädchen übers Wochenende bei mir wären, würde ich im Wohnzimmer auf der Couch direkt neben der kleinen Einbauküche schlafen müssen. Aber ich war froh, in der Eile überhaupt etwas gefunden zu haben. Die Kinder würden bei ihren Besuchen ein Zimmer für sich haben und das war erst einmal das Wichtigste. Außerdem war die Wohnung sauber und gepflegt, da hatte ich schon ganz andere Buden gesehen! Deshalb verstand ich auch nicht, was Beate jetzt schon wieder zu meckern hatte! Klar war die Wohnung nicht perfekt, aber sie lag nicht weit von unserer ehemaligen Adresse entfernt und ich würde die Mädchen regelmäßig sehen können.

„Was stellst du dir vor? Dass ich mir ein Luxusappartement leisten kann?“
Das konnte doch alles nicht mehr wahr sein! Beate hatte ihren Willen bekommen, ich war so schnell wie möglich ausgezogen und dann war ich auch noch dumm genug gewesen, sie in meine neue Wohnung einzuladen. Weil ich gedacht hatte, sie würde wissen wollen, wo unsere Kinder in Zukunft einen Teil ihrer Zeit verbringen würden.
„Ist mir egal, wo du wohnst, aber hier werden meine Kinder ganz sicher nicht schlafen!“ Kampflustig schaute Beate mich an. In dem Moment brannten bei mir die Sicherungen durch.
„Jetzt pass mal auf, Süße! Entweder du kriegst dich jetzt sofort wieder ein oder ich bin es, der hier andere Saiten aufzieht!“
Und dann erklärte ich meiner baldigen Ex-Frau, dass ich dafür sorgen würde, dass die Kinder in Zukunft gleich ganz bei mir leben würden, wenn sie nicht bereit war, einen Gang zurückzuschalten.
„Überleg dir gut, ob du es wirklich auf einen Obsorgestreit vor Gericht ankommen lassen willst!“ Mittlerweile hatte ich echt die Schnauze voll! Meine Ehe war im Eimer und das einzige, was ich jetzt noch wollte, war, meine Kinder regelmäßig zu sehen! Wenn Beate mir da Probleme machen wollte, konnte sie ihr blaues Wunder erleben!

„Glaub ja nicht, dass du mir die Kinder wegnehmen kannst!“
Wie zwei Kampfhähne standen wir uns gegenüber und wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich beinahe lachen müssen! Beate und ich hatten genau zeitgleich denselben Satz ausgesprochen und plötzlich war klar, dass unsere Kinder tatsächlich zum Streitpunkt geworden waren. Niemals hätte ich das für möglich gehalten!
„Mit dir rede ich nicht mehr! Du hörst von meinem Anwalt!“
Wild entschlossen verließ Beate meine neue Wohnung.
„Darauf lass ich es gerne ankommen!“ Lautstark brüllte ich ihr ins Treppenhaus hinterher. Wenn nicht gerade eine Nachbarin aus dem Aufzug gestiegen wäre, hätte ich ihr wohl noch ganz andere Sachen an den Kopf geworfen!
„So ein Miststück!“ Als ich kurz darauf mit meinem Bruder bei einem Bier zusammen saß, war ich immer noch total aufgewühlt.
„Was soll ich bloß machen? Soll ich wirklich vor Gericht um die Kinder streiten?“
„Wenn ihr euch nicht einigen könnt, wird dir nichts anderes übrig bleiben.“
„Na, super! Das hat mir gerade noch gefehlt!“

„Wir müssen miteinander reden.“
Als ich zwei Wochen später vor Beates Tür stand, hatte ich meine Nerven wieder halbwegs im Griff.
„Ich glaube nicht, dass wir uns noch etwas zu sagen haben.“
Ablehnend schaute sie mich an.
„Ich weiß, dass alles schief gelaufen ist, aber kann ich trotzdem kurz mit dir reden?“
Widerwillig machte Beate einen Schritt zur Seite. Länger als unbedingt notwendig wollte sie offensichtlich nicht mit mir reden.
„Ich habe mir überlegt, dass wir eine Mediation miteinander machen könnten.“
„Bist du jetzt unter die Esoteriker gegangen?“ Entnervt schaute Beate mich an.
„Ich rede nicht davon, gemeinsam mit dir auf einer Yogamatte zu sitzen, sondern einen Mediator aufzusuchen.“ Und dann erklärte ich meiner Frau, dass Mediation nichts mit Meditation zu tun hatte, sondern eine Möglichkeit war, Konflikte konstruktiv zu lösen.
„Wenn du willst, vereinbare ich einen Termin. Du kannst ja mal drüber nachdenken.“
„Von mir aus. Aber erwarte dir lieber nicht zu viel!“ Mein Vorschlag war Beate offenbar nicht geheuer und natürlich hatten unsere ständigen Streitereien auch bei mir tiefe Kerben geschlagen. Aber dass wir einander tatsächlich gedroht hatten, uns gegenseitig die Kinder wegzunehmen, war zu viel.. Ein Rosenkrieg vor Gericht konnte einfach nicht die Lösung sein. Und wenn das bedeutete, dass ich über meinen Schatten springen und den ersten Schritt machen musste, dann war es mir das wert.

„Spielst du jetzt den Friedensengel?“
Als ich meinem Bruder Ernst ein paar Tage später von meiner Idee berichtete, schaute er mich nur überrascht an.
„Beate hat doch auch ihren Teil dazu beigetragen, dass eure Ehe gescheitert ist.“
„Der andere hat angefangen“, klingt nicht so super erwachsen, findest du nicht auch?“
Hatte mein Bruder aus seiner eigenen Scheidung überhaupt nichts gelernt? Er und seine Frau hatten jahrelang durch alle gerichtlichen Instanzen hinweg miteinander gestritten. Mittlerweile waren ihre Kinder erwachsen und hatten zu beiden Eltern kaum noch Kontakt. In die Fußstapfen meines Bruders wollte ich daher ganz sicher nicht treten! Wenn auch nur die geringste Chance bestand, dass Beate und ich endlich wieder in Ruhe miteinander reden konnten, würde ich sie nutzen!
„Mediation ist eine gute Sache.“
Und dann erklärte ich meinen Bruder, dass ein Mediator kein Schiedsrichter wäre und auch kein klassischer Streitschlichter. Aber er oder sie könne helfen, Konflikte zu klären und zu einer gemeinsamen Lösung zu finden.
„Natürlich müssen die Betroffenen auch selbst etwas dazu beitragen und bereit sein, mitzuarbeiten.“
Aber würde Beate mitmachen?
Ein paar Tage lang war ich ziemlich unruhig. Dann kam endlich ihr Anruf.
„Okay, ich mache mit. Einen Versuch ist es wert.“
Als Beate mir erklärte, dass sie bereit war, unsere Scheidung doch noch einvernehmlich zu regeln, war ich wirklich erleichtert!
„Danke. Das ist ja wenigstens mal ein Anfang.“

Aber natürlich hat sich nach unserem Entschluss, unsere Streitigkeiten im Rahmen einer Mediation zu besprechen, nicht gleich alles in Wohlgefallen aufgelöst. In Wahrheit sind während der ersten Mediationssitzungen noch ziemlich die Fetzen geflogen. Aber die Mediatorin hat uns geholfen, genau zu überlegen, welche Probleme und Themen besprochen werden müssen, um Schritt für Schritt zu einer fairen und einvernehmlichen Ehescheidung zu kommen. Zum Glück gab es zwischen uns kaum etwas aufzuteilen, weder Vermögen noch Schulden und es war klar, dass Beate die Wohnung behalten würde. Auch über den Kindesunterhalt haben wir nicht gestritten. Dafür gab es beim Thema Obsorge und Kontaktrecht einiges zu besprechen. Beim Abschlusstermin hat uns die Mediatorin dann noch erklärt, dass alle Ehepaare, die gemeinsame minderjährige Kinder haben, vor einer einvernehmlichen Ehescheidung eine verpflichtende Elternberatung absolvieren müssen. Damit sie noch mal in aller Deutlichkeit darüber aufgeklärt werden, dass Kinder, die von einer Scheidung betroffen sind, spezielle Bedürfnisse haben, die auf jeden Fall zu berücksichtigen sind. Kontaktadressen geeigneter Beratungseinrichtungen waren dann aber schnell gefunden und damit war der Weg zum Scheidungsrichter dann wirklich gut vorbereitet. Aber das Erstaunlichste war, dass es ab dem Zeitpunkt, an dem Beate und ich uns im Rahmen der Mediation erst mal über die Ursachen, die überhaupt zum Scheitern unserer Ehe geführt hatten, gründlich ausgesprochen hatten, tatsächlich bergauf ging. Ab da hat sich die Lage zunehmend entspannt. Im Nachhinein betrachtet ist es wirklich erstaunlich, dass hinter den meisten Streitpunkten in Wahrheit ganz andere Dinge stecken, als man zunächst vermutet.

„Hinter jedem Vorwurf steckt ein nicht gehörtes Bedürfnis“, war einer der Sätze der Mediatorin, an die ich mich noch gut erinnern kann. Und als Beate und ich uns endlich eingestehen konnten, dass wir wohl beide Fehler gemacht hatten, war der Rest gar nicht mehr so schwer! Wir wurden uns einig, dass unsere beiden Töchter in Zukunft bei ihrer Mutter leben und mich jedes zweite Wochenende besuchen sollten. Und weil es mir sehr wichtig war, nicht nur ein Wochenendvater zu sein, sondern mit meinen Kindern auch einen Teil ihres Alltags zu verbringen, haben meine Ex-Frau und ich vereinbart, dass ich die Kinder an zwei Nachmittagen pro Woche von der Schule abhole und gemeinsam mit ihnen Hausaufgaben mache. Das entlastet Beate und die Kinder sind trotz der Trennung auch weiterhin ein fixer Bestandteil meines Lebens. Auch das Kontaktrecht während der Schulferien wurde fair aufgeteilt. Jeder von uns würde zwei Wochen im Jahr mit den Kindern auf Urlaub fahren. Den ersten Weihnachtsfeiertag und die Geburtstage der Mädchen würden wir alle vier gemeinsam feiern.
„Besser glücklich geschieden als unglücklich verheiratet!“ Als Beate und ich ein paar Monate nach der Scheidung alles noch einmal Revue passieren ließen, waren wir beide erleichtert, dass am Ende doch noch die Vernunft gesiegt hatte.

„Vielleicht heiratet ihr ja wieder!“
Die Kinder, die uns nach langer Zeit endlich wieder in Ruhe miteinander sprechen sahen, machten sich natürlich gleich Hoffnungen.
„Nein, danke!“
Lachend protestierten wir gegen diese kindliche Wunschvorstellung. Auch in dem Punkt waren Beate und ich uns mittlerweile einig.
„Aber eure Eltern bleiben wir trotzdem, versprochen!“
Augenzwinkernd schauten wir uns an. Ich war unglaublich froh, dass Beate und ich trotz einiger Anlaufschwierigkeiten alles friedlich geregelt hatten. Wir haben beide einen Schritt zurück gemacht und ich finde, das ist etwas, was wir auch unseren Kindern mitgeben können.

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