„Hallo, Paul! Wunderschöner Tag heute, nicht wahr?“
Als mein Nachbar Georg mich an diesem Morgen grüßte, konnte ich nur freundlich nicken. Auf ein Gespräch hatte ich keine Lust. Denn für mich war der Tag trotz des tollen Wetters alles andere als gut. Wie auch alle übrigen Tage, seit ich vor ungefähr einem Jahr in Pension gegangen war.
„Jetzt haben wir endlich Zeit für uns“, hatte meine Frau Erika damals gemeint, als sie mich an meinem letzten Arbeitstag vom Büro abgeholt hatte. Da hatten wir noch Pläne gehabt! Eine Reise wollten wir machen, den Garten auf Vordermann bringen und endlich mal alle Bücher und Zeitschriften umsortieren. Und natürlich jeden Tag ausschlafen, das hatte ich ja nie gekonnt.

Vierzig Jahre lang war ich berufstätig gewesen und was hatte ich in dieser Zeit nicht alles versäumt! Das Aufwachsen meiner Kinder, Einladungen von Freunden und Bekannten und, wenn ich ehrlich war, sogar Hochzeiten und Beerdigungen. Immer war mein Job wichtiger gewesen als alles andere. Ein Leben ohne Arbeit hatte ich mir einfach nicht vorstellen können und auch Überstunden hatten mir nichts ausgemacht. Trotzdem habe ich mich auf den neuen Lebensabschnitt gefreut. Und tatsächlich haben Erika und ich dann auch erst mal eine schöne lange Reise gemacht. Aber kaum waren wir wieder zu Hause, fiel mir die Decke auf den Kopf. Erika führte ihr gewohntes Leben und ich wusste ganz einfach nichts mit mir anzufangen. Ich hatte das Gefühl, dass mich kein Mensch mehr braucht. Und deshalb steigerte ich mich immer mehr in die Vorstellung hinein, alt und komplett nutzlos zu sein. Kein Wunder, dass ich Tag für Tag müder wurde.

„Geh doch mal zum Arzt“, hatte meine Frau mir geraten, aber das wollte ich auch nicht.
„Lass mich in Ruhe. Ich bin nicht krank.“
Der Tonfall zwischen Erika und mir hatte sich ziemlich verschlechtert, seit ich so unzufrieden geworden war. Außerdem hatte ich auch immer öfter den Eindruck, ihr nichts mehr recht machen zu können. Aber natürlich war ich auch selbst schuld an der ganzen Misere. Angefangen hat alles damit, dass ich versucht hatte, mich mehr im Haushalt einzubringen. Das war ja früher nie möglich gewesen. Ich war beruflich meistens unterwegs und selbst an den Wochenenden war Erika viel allein. Deshalb hatte sich ihr Alltag im Laufe der Jahre gut ohne mich eingespielt und bald wurde mir klar, dass sie meine Hilfe auch jetzt nicht benötigte.
„Warum mischt du dich ständig ein?“, hatte ich mir mehr als einmal anhören müssen.
„Ich will dir doch nur helfen!“ Resigniert schüttelte ich den Kopf.
Aber offenbar war meine Unterstützung überflüssig. Immer, wenn ich Vorschläge machte, wie wir die tägliche Hausarbeit besser organisieren könnten, stieß ich auf Ablehnung.
„Ich habe dir ja auch nicht erklärt, wie du deinen Job zu machen hast“, bekam ich dann zu hören. Deshalb hielt ich mich bald schon mit meinen gut gemeinten Ratschlägen zurück und versuchte, wenigstens die Nachmittage gemeinsam mit meiner Frau zu verbringen. Allerdings war Erika das auch nicht recht.

„Such dir gefälligst ein eigenes Hobby“, hatte sie mir an den Kopf geworfen, als ich wieder einmal versucht hatte, sie zu einem Termin zu begleiten. Damals war ich zutiefst gekränkt gewesen, aber mittlerweile verstand ich sie. Wer wollte schon einen Partner, der ständig wie eine Klette an einem hing? Natürlich hatte meine Frau wenig Interesse daran, mich zu ihren Treffen mit Freundinnen oder zum Malkurs an der Volkshochschule mitzunehmen.
„Ich komme mir vor, als hätte ich auf meine alten Tage noch mal ein Kind bekommen!“
Dieser wenig schmeichelhafte Vergleich hat mich dann zur Besinnung gebracht. Meine Frau hatte eigene Interessen und auch, wenn sie sich freute, dass wir die Feierabende und Wochenenden nun gemeinsam verbringen konnten, konnte sie es nicht leiden, wenn ich tagsüber ständig an ihrem Rockzipfel hing.

Deshalb beschloss ich, mir selbst eine Beschäftigung zu suchen.
Allerdings war das alles andere als einfach! Früher hatte ich immer gedacht, wenn ich erst mal in Rente bin, werde ich tausend verschiedene Dinge machen, für die nie genügend Zeit da war. Aber plötzlich bemerkte ich, dass ich außer meiner Arbeit gar keine Interessen hatte. Als junger Mann hatte ich ganz gerne Sport betrieben, das ging nun nicht mehr. Ich war zwar nicht übergewichtig, aber auch nicht mehr so schlank wie früher. Und auch meine Augen waren nicht mehr allzu gut. Seit ich beim Joggen über eine Baumwurzel gestolpert und kopfüber im Dreck gelandet war, hatte ich das Thema „Fitness“ für mich abgehakt.
Aber was zur Hölle sollte ich tun? Was sollte ich mit all der Zeit anfangen?

Tagelang grübelte ich darüber nach und schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich wirklich immer nur für meinen Beruf gelebt hatte. Wenn ich mir die Kontaktdaten auf meinem Handy anschaute, konnte ich den Großteil der Nummern löschen. Denn dort waren fast nur Personen eingespeichert, mit denen ich beruflich zu tun gehabt hatte. Der Rest waren Telefonnummern von Ärzten und mein Friseur. Abgesehen von Erika und unseren beiden Kindern gab es niemanden, den ich anrufen konnte. Die Kinder führten natürlich schon lange ihr eigenes Leben, Enkelkinder hatten wir noch nicht und Erika hatte mir ja deutlich zu verstehen gegeben, dass sie es nicht leiden konnte, wenn ich pausenlos an ihr hing. So blieb mir nichts anderes übrig, als die meiste Zeit vor dem Fernseher zu hocken oder im Garten umzugraben. Als dann allerdings der Winter kam, war es auch damit vorbei.

Und irgendwann während dieser langen trüben Tage habe ich mir vorgenommen, mich nicht so einfach in mein Schicksal zu fügen. Deshalb habe ich dann im Internet recherchiert. „Pensionsschock“ war das Schlagwort, nach dem ich suchte.
Ob es anderen Leuten auch so ging? Oder waren alle außer mir froh, ihren Job endlich los zu sein? War ich wirklich der Einzige, dem der Übertritt in die Pension massive Probleme bereitete? Offenbar nicht, denn schon im ersten Artikel las ich, dass man mit der Vorbereitung auf die Pension gar nicht früh genug beginnen kann. Andernfalls würde genau das geschehen, was mir passiert war: Gerade Menschen, die immer viel gearbeitet hatten, würden erst mal die viele freie Zeit genießen. Immerhin fühlt sich das Übermaß an Freiheit ja wie ein lang ersehnter Urlaub an. Aber sobald man realisiert hat, dass die Unmengen an Zeit ab nun fixer Bestandteil des Alltagslebens sind, beginnen meistens die Probleme. Zumindest bei denjenigen, die sich auf die Pension überhaupt nicht vorbereitet haben.

Sich nur auf die Pension zu freuen und davon zu träumen, endlich mehr Zeit zu haben, ist offensichtlich eindeutig zu wenig. Denn wer so viel freie Zeit nicht gewohnt ist, der fällt ganz schnell in ein tiefes Loch. Ohne Hobbies, Freunde und Interessen sähe es schlecht aus, las ich. Manche altern da viel schneller, als ihnen lieb ist. Das konnte ja heiter werden! Konnte man denn da gar nichts dagegen tun? Immerhin wurden die Leute ja immer älter, es konnte doch nicht sein, dass hier ein Potential brach lag, das niemand nutzte! Neugierig las ich weiter und kam auf einen Beitrag, in dem beschrieben wurde, wie manche Firmen, die besonders innovativ sind, eine richtige Ausstiegskultur entwickelten. Genauso, wie junge Leute Schritt für Schritt in das Unternehmen eingeführt werden, werden dort Personen, die kurz davor sind, in Pension zu gehen, dabei begleitet, wieder aus dem Berufsleben auszusteigen. Manche dieser älteren Dienstnehmer wurden sogar weiterhin beschäftigt. Als externe Berater, die der früheren Firma ihr Fachwissen zur Verfügung stellten. Das klang zwar alles gut und schön, allerdings war dieser Zug für mich längst abgefahren.

In dem Unternehmen, für das ich zuletzt gearbeitet hatte, hatte es keinerlei Vorbereitungen auf meine bevor stehende Pensionierung gegeben, ganz im Gegenteil. Ich war bis zum letzten Arbeitstag voll eingespannt gewesen und jetzt musste ich schmerzhaft erkennen, dass das Ansehen, das meiner Position gegolten hatte, nichts mit meiner Person zu tun hatte. Und auch Schlagworte, wie „Empty desk Syndrom“ halfen mir nicht weiter. In meiner Firma war mein Schreibtisch bis zur letzten Minute voll mit Arbeit gewesen, ich hatte meinen Nachfolger nur kurz eingeschult und dann war auch schon die Abschiedsfeier gekommen. Ein paar Handschläge, eine Flasche Sekt, das war es. Und jetzt stand ich da, las auf verschiedenen Seiten im Internet von karitativer Arbeit und davon, dass viele rüstige Pensionisten ihre Zeit ehrenamtlich zur Verfügung stellten oder in der Nachbarschaftshilfe tätig waren. Doch je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass das alles nichts für mich war. Ich hatte immer gerne gearbeitet, in meinem Bereich war ich nach wie vor ein Spezialist, und ich wollte einfach nicht einsehen, dass das alles mit einem Schlag vorbei sein sollte.

„Muss es denn unbedingt vorbei sein?“
Als ich meiner Frau an diesem Abend frustriert von meiner erfolglosen Internetrecherche berichtete, schaute sie mich erst einmal fragend an.
„Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Irritiert schüttelte ich den Kopf. „Klar ist es vorbei, oder soll ich meinen Boss zwingen, mich wieder einzustellen?“
„Und warum wirst du nicht einfach dein eigener Boss?“
Mein eigener Boss? Was sollte das denn heißen? Ich konnte ja schlecht mit Mitte Sechzig noch ein Konkurrenzunternehmen aufmachen. Die Branche, für die ich gearbeitete hatte, war hart umkämpft und im Grunde musste man froh sein, wenn man überhaupt das Pensionsalter erreichte. Ich kannte mehr als genug Kollegen, denen das nicht vergönnt gewesen war. Leute, die entweder in der Frühpension oder in der Burnout-Klinik gelandet waren.
„Wer sagt denn, dass du eine Riesenfirma gründen sollst? Du kannst einen Gewerbeschein lösen und freiberuflich arbeiten.“

Und das habe ich dann auch getan. Zuerst habe ich mich natürlich bei verschiedenen Stellen erkundigt, so ein Schritt will ja gut überlegt sein. Aber bald schon habe ich herausgefunden, dass der Vorschlag meiner Frau durchaus eine attraktive Möglichkeit war. Weil ich nicht in Frühpension, sondern ganz regulär in Alterspension gegangen bin, kann ich dazuverdienen, soviel ich will. Natürlich muss ich dafür Steuer zahlen und auch Sozialversicherung, das ist ja klar, aber das ist mir egal. Denn es geht ja nicht mehr darum, dass ich finanziell überleben muss und ich muss mir auch nichts mehr beweisen. Ich habe ganz einfach Spaß an der Arbeit und da das nun mal das einzige ist, was mich wirklich interessiert, habe ich mich entschieden, mich selbständig zu machen. Natürlich arbeite ich bei Weitem nicht mehr so viel wie früher. Der Feierabend und die Wochenenden gehören Erika und mir. Dann genießen wir die gemeinsame Zeit und ab und zu machen wir auch mitten unter der Woche einen Ausflug.
Das nennen wir dann scherzhaft unseren „blauen Montag.“
Aber den Rest der Zeit hocke ich nicht mehr unzufrieden zu Hause herum und gehe meiner Frau auf die Nerven.

Ich habe wieder Spaß am Leben und genieße meine Zeit jetzt viel bewusster.
Wenn ich morgens aufstehe, habe ich einen Plan, ich treffe Leute, telefoniere und überlege mir, was ich als Nächstes tun kann. Ich arbeite nicht mehr bis spät in die Nacht, diese Zeiten sind endgültig vorbei und darüber bin ich auch sehr froh. Das ändert aber nichts daran, dass ich für die Pension einfach noch nicht bereit bin. Allerdings weiß ich auch, dass ich erst jetzt gelernt habe, Arbeit und Freizeit sinnvoll miteinander zu verbinden. Wenn ich heute eingeladen werde, schiebe ich nicht mehr die Arbeit vor. Und ich kann gut verstehen, dass viele Menschen froh sind, wenn sie nie wieder einen Fuß ins Berufsleben setzen müssen. Ich denke, es kommt darauf an, was man zuletzt gemacht hat. Jemand, der jahrzehntelang am Bau geschuftet hat, wird sicher froh sein, wenn er nicht mehr so schwer körperlich arbeiten muss. Aber ich habe überwiegend mit dem Kopf gearbeitet und solange der noch funktioniert, möchte ich das auch weiter machen.

* Die Personen und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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